"Sich selbst auseinander reißen": Neuer Graben in der rechtsextremen AfD vor ostdeutschen Umfragen

Die Turbulenzen treten auf, da fallende Migrantenankömmlinge der ultra-nationalistischen Protestpartei ihre Hauptverantwortung entzogen haben, während die aufstrebenden Grünen sie als stärkste Oppositionskraft ersetzt haben.

Die sechsjährige AfD, die schon einmal Spaltungen und Führungsputsche erlebt hat, ist nun hin- und hergerissen zwischen Unterstützern und Feinden des Hardliners Björn Höcke, Monate vor wichtigen Staatsumfragen in ihrem Kernland im ex-kommunistischen Osten.

Der 47-jährige Höcke ist Parteichef im ostthüringischen Bundesland und leitet die extremste Parteifraktion "The Wing", die offiziell vom Bundesnachrichtendienst überwacht wird.

Der ehemalige Geschichtslehrer nannte das Berliner Holocaust-Mahnmal einst ein "Denkmal der Schande" und marschierte mit der anti-islamischen Straßenbewegung Pegida bei einer von Neonazis begleiteten Kundgebung in der Stadt Chemnitz Hand in Hand.

Am vergangenen Wochenende marschierte Höcke bei einem Treffen seiner Gruppierung dramatisch in den von Fahnen schwenkenden Anhängern flankierten Saal ein und attackierte anschließend scharf die nationale Führung der Partei.

Er versicherte, dass er sich nach den Herbstwahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen "mit großer Leidenschaft" der Wahl einer neuen Bundesparteiführung widmen werde.

Persönlichkeitskult

Tage später griffen 100 AfD-Politiker in einem Brief Höckes "exzessiven Personenkult" an und erklärten, dass "die AfD nicht die Björn Höcke Partei ist".

Kritik kam auch von den AfD-Chefs Jörg Meuthen und Alexander Gauland, die befürchteten, dass die hartnäckige Rhetorik des Flügels die Wähler abschreckt, die sich als konservative Patrioten sehen, die sich um die Einwanderung sorgen.

Gauland sagte, er halte Höckes Performance für "unangemessen" und argumentierte, dass die Partei, wenn sie nicht "professionell" handelt, nie die "bürgerliche Mehrheit gewinnen werde, die wir brauchen, um dieses Land zu verändern".

Ähnliche Kämpfe sind in mehreren deutschen Regionen entbrannt, darunter auch in Bayern, wo ein internes Parteipanel The Wing zu einer "Wettbewerbsbeziehung" mit der AfD erklärte.

Der interne Riss ist der jüngste für die AfD, die 2013 als euroskeptische Partei gegründet wurde und sich gegen Rettungsaktionen für das verschuldete Griechenland und andere Länder wendet.

Nach einem ersten Führungsputsch richtete sie sich zunehmend gegen Immigration, Multikulturalismus und Islam, insbesondere nach dem Massenzustrom von Migranten und Flüchtlingen nach Deutschland im Jahr 2015.

Sich selbst auseinander reißen

Besonders stark ist die AfD im Osten Deutschlands, der fast 30 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer in Beschäftigung und Wohlstand hinter dem Westen zurückbleibt und ein Hotspot für Fremdenfeindlichkeit, rassistische Hassverbrechen und die Unterstützung rechtsextremer Gruppen war.

"Merkel muss gehen" war ein häufiger Gesang bei AfD- und Pegida-Kundgebungen, bei denen meist weiße Männer mittleren Alters ihre Wut auf das ausgelebt haben, was sie als politische und mediale Elite sehen, die sie verraten hat.

Da die Angst der Öffentlichkeit vor Einwanderung etwas nachgelassen hat, hat die AfD zunehmend zu anderen Themen gekämpft - gegen Windparks, gegen Fahrverbote für Dieselfahrzeuge und gegen den vom Menschen verursachten Klimawandel, eine Position, die selbst die Jugendabteilung der AfD ablehnt.

Bei den Wahlen zum Europäischen Parlament im Mai erzielte die AfD mit 10,9 Prozent weniger als erhofft.

Sie wählt in Teilen des Ostens stark, steht aber nach einem Papierkram-Fehler vor der Landtagswahl in Sachsen, der dazu führen könnte, dass viele AfD-Kandidaten auch im Falle einer Wahl keine Versammlungssitze bekommen.

Inmitten des ideologischen Krieges innerhalb der Partei schrieb die Magdeburger Volksstimme, dass "sich die AfD wieder einmal auseinanderreißt".

Der 78-jährige Gauland, ein Überläufer der CDU von Merkel, sagte, die AfD befinde sich in einer "Pubertätskrise", die ihre Bemühungen, unzufriedene konservative Wähler zu wildern, behindere.

Der Traum Galliens von einer Kraft, die Konservative und Radikale zusammenbringt, erweist sich zunehmend als naive Illusion", urteilt die Frankfurter Allgemeine Zeitung.